Autismus-Diagnostik für Erwachsene


Verwendete Methoden:

In der Diagnostik setze ich auf verschiedene wissenschaftlich fundierte und validierte Methoden, darunter moderne Erhebungsinstrumente speziell zur Erfassung von Autismus bei Frauen sowie spezialisierte Fragebögen, die Masking und andere autismusspezifische Merkmale berücksichtigen. Auch die sogenannten "Goldstandards" der klinischen Diagnostik (ADOS 2, AQ 50, RAADS 14) kommen zum Einsatz, aber ich bin mir während der Diagnostik bewusst, dass diese beiden Instrumente an Männern geeicht wurden und einige Items kritisch zu betrachten sind.

Ergänzend zu den Fragebögen erfolgt ein ausführliches Gespräch, das eine umfassende Anamnese und Ihre Lebensgeschichte einbezieht. Zusätzlich zu diesen Methoden fließt auch meine persönliche Erfahrung als autistische Psychologin mit kognitiver Hochbegabung und ADHS ein, die es mir zusätzlich zu den Diagnostikinstrumenten ermöglicht, Autismus differenziert zu erkennen.


Gerade Frauen im Autismus-Spektrum kompensieren und maskieren autistische Merkmale häufig sehr konsequent. Im Gespräch können dadurch zentrale Hinweise (z.B. soziale Überlastung, sensorische Empfindlichkeiten oder Spezialinteressen) weniger sichtbar wirken, obwohl die Belastung real ist. Deshalb kombiniere ich klassische klinische Beobachtung und standardisierte Verfahren mit Instrumenten, die Masking/Camouflaging und weibliche Autismus-Profile gezielt erfassen. So lassen sich auch jene Ausprägungen differenziert abbilden, die in männlich dominierten Normierungen und Cut-offs leichter untergehen. Die eingesetzte Verfahrenskombination entspricht den diagnostischen Komponenten der aktuellen Leitlinien für Erwachsene ohne kognitive Einschränkungen und ist darauf ausgerichtet, Befunde auch bei stark kompensierenden Frauen mit durchschnittlicher oder hoher Intelligenz nachvollziehbar und empirisch abgesichert zu erheben.


RAADS-14 (Ritvo Autism and Asperger Diagnostic Scale – 14-Item Screen):
Der RAADS-14 ist ein international erprobter Kurzfragebogen auf Basis der Langversion RAADS-R und wurde für Erwachsene ohne kognitive Einschränkungen entwickelt. Die deutschsprachige Version (RAADS-14-Screen-G) wurde 2024 von Etlender und Jarvers übersetzt und wissenschaftlich adaptiert. In Validierungsstudien zeigt sich zudem, dass der RAADS-14 je nach Vergleichsgruppe auch gegenüber anderen Störungsbildern (u.a. ADHS, affektive Störungen, Angststörungen) differenzieren kann. Er erfasst drei Symptomdimensionen:

  • Einschränkungen der Mentalisierung (z.B. Schwierigkeiten, soziale Erwartungen sowie emotionale und mentale Zustände zu erfassen oder zu benennen)
  • soziale Ängstlichkeit (z.B. Unsicherheiten in Gruppen, bei Smalltalk oder beim sozialen Anschluss)
  • sensorische Reaktivität (z.B. hohe Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen oder taktilen Reizen)

AQ-50 (Autism Spectrum Quotient):
Der AQ-50 ist ein etabliertes Selbstbeurteilungsinstrument zur Erfassung autistischer Merkmale bei Erwachsenen mit durchschnittlicher Intelligenz. Er umfasst 50 Aussagen in fünf Bereichen: soziale Fähigkeiten, Kommunikationsverhalten, Detailwahrnehmung, Imagination sowie Flexibilität beim Aufmerksamkeitswechsel. Höhere Werte sprechen für eine stärkere Ausprägung autistischer Merkmale.
Für die Einordnung ist wichtig, dass der AQ-50 historisch stark an männlich geprägten Stichproben entwickelt und normiert wurde. Bei autistischen Frauen kann er daher Merkmale untererfassen, insbesondere wenn ausgeprägtes Masking, sozial akzeptierte Spezialinteressen oder hohe Anpassungsleistungen vorliegen. Einzelne Items bilden zudem weibliche Präsentationsformen nicht immer adäquat ab (z.B. wenn „Interesse an Menschen“ pauschal als nicht-autistisch gewertet wird, obwohl „Menschen/Verhalten“ bei vielen Autistinnen als Spezialinteresse auftreten kann).


CAT-Q (Camouflaging Autistic Traits Questionnaire):
Der CAT-Q wurde entwickelt, um Social Camouflaging systematisch zu erfassen, also das bewusste oder automatisierte Anpassen an neurotypische Erwartungen. Er gehört zu den wenigen Selbstbeurteilungsverfahren, die Masking bei Autistinnen differenziert abbilden. Studien weisen darauf hin, dass starkes Masking mit erhöhten psychischen Belastungen und einer Verzögerung der Diagnosestellung assoziiert sein kann. Der CAT-Q unterscheidet drei Teilaspekte:

  • Kompensation: aktive Strategien zum Überbrücken sozialer Schwierigkeiten (z.B. Gesprächsabläufe erlernen, Mimik/Gestik trainieren, Sozialverhalten kognitiv analysieren)
  • Maskierung: Unterdrücken oder Verbergen autistischer Merkmale (z.B. Stimming reduzieren, Augenkontakt trotz Überforderung „durchhalten“, Mimik bewusst steuern)
  • Assimilation: möglichst unauffälliges Einfügen in Gruppen durch Nachahmung von Rollen, Kleidung, Sprachmustern und Routinen

Girls Questionnaire for Autism Spectrum Conditions (GQ-ASC):
Der GQ-ASC wurde gezielt für die Erfassung von Autismus bei erwachsenen Frauen entwickelt und validiert. Er adressiert eine bekannte diagnostische Lücke: Viele klassische Instrumente orientieren sich stärker an männlichen Entwicklungs- und Symptomprofilen. Der GQ-ASC berücksichtigt Präsentationsformen, die bei Frauen häufiger oder anders ausgeprägt sind, u.a. Camouflaging-Strategien, spezifische sensorische Muster, sozial geprägte Anpassungsleistungen sowie die emotionale Bedeutung von Interessen. In der Originalarbeit wurden fünf Faktoren beschrieben:

  1. Imagination und Spiel: ausgeprägte innere Fantasiewelt/Tagträumen als Rückzug und Regulation
  2. Camouflaging: Rollenübernahme, Imitation sozialer Muster, Anpassung an Erwartungen
  3. Sensorische Empfindlichkeiten: Über-/Unterempfindlichkeiten, stressauslösende Reize, Shutdown-nahe Zustände (inkl. selektivem Verstummen)
  4. Soziales Funktionieren: subtile Barrieren, schnelle soziale Erschöpfung, kompensatorische Strategien (z.B. Überentschuldigen, „sicheres“ Auftreten)
  5. Interessen: auch inhaltlich „sozial akzeptierte“ oder altersuntypische Interessenschwerpunkte werden differenziert erfasst

ADOS-2 Modul 4 (Autism Diagnostic Observation Schedule, Second Edition):
Das ADOS-2 ist ein international etabliertes, standardisiertes Beobachtungsverfahren zur Erfassung autistischer Verhaltensmerkmale im direkten Kontakt. In einem halbstrukturierten Interview werden u.a. spontane soziale Reaktionen, nonverbale Kommunikation, Perspektivübernahme sowie kommunikative Flexibilität anhand definierter Aufgaben und Gesprächssequenzen beobachtet und ausgewertet.


Kein Elterngespräch nötig, Unterlagen optional:

Eltern befrage ich nicht. Zu häufig sind diese im Gespräch über ihre Kinder nicht objektiv, haben nach den Jahrzehnten die zurückliegen verzerrte Erinnerungen, haben Angst "etwas falsch gemacht" zu haben oder sind z.B. selbst im Spektrum weshalb ihnen ihr Kind auch nicht "seltsam" vorkommt.

Sie könnten aber im Vorfeld ihre Eltern befragen, ob sie:

  • ein "Schreibaby" waren
  • wie ihre Sprachentwicklung war (z.B. sehr früh, sehr spät)
  • ob sie als Kind auf Zehenspitzen gelaufen sind
  • wie ihr Spielverhalten war (z.B. komplexe Szenarien bauen, Dinge nach Kategorien sortieren)
  • ob sie "Wutanfälle" (Meltdowns) hatten
  • wie es mit Freundschaften im Kindergarten aussah.

Unterlagen benötige ich ebenfalls nicht zwingen, aber z.B. alte Grundschulzeugnisse oder alte Freundschaftsbücher können Informationen bieten, die für den Diagnostikprozess nützlich sind.